Chancen und Herausforderungen: ALPLA 1973-1984
Teil drei der Serie 70 Jahre ALPLA: Die Jahre zwischen 1973 und 1984 forderten ALPLA wie kaum eine andere Dekade. Die Weltwirtschaft ächzte unter den Folgen der Ölkrise, in Venezuela zerstörte ein Brand ein Werk, und in der Familie Lehner traf ein tragisches Unglück das Unternehmen mitten ins Herz. Doch inmitten von Krisen und Wandel legte ALPLA den Grundstein für jene Philosophie, die das Unternehmen bis heute prägt: Nähe zum Kunden, Mut zum Risiko und unerschütterlicher Pioniergeist.
Produktion von Kanistern im algerischen Betrieb.
Von der Ölkrise gebremst – und dennoch nach vorn
Der Herbst 1973 brachte für die Kunststoffindustrie eine Zäsur. Der Ölpreis stieg binnen kürzester Zeit auf das Vierfache, und der wichtigste Rohstoff wurde knapp und teuer. Für ALPLA war es eines der schwierigsten Jahre der Firmengeschichte. Um den eigenen Maschinenbau zu sichern, entschloss man sich zu einem außergewöhnlichen Schritt: Erstmals und einmalig stellte ALPLA sein technisches Know-how einem externen Partner zur Verfügung – der staatlichen österreichischen Beratungsorganisation AUSTROPLAN.
Unter deren Generalunternehmerschaft entstanden in Algerien drei Betriebe, die mit ALPLA-Technologie ausgestattet wurden und Flaschen sowie Kanister produzierten. Fachkräfte aus Hard reisten über mehrere Jahre nach Nordafrika, um die Anlagen zu installieren und die Mitarbeitenden vor Ort auszubilden. So wurde aus einer wirtschaftlichen Notlage ein internationales Projekt und ein frühes Beispiel für gelebten Pioniergeist über Grenzen hinweg.
Alwin Lehner (l.) beaufsichtigt die Verladung von ALPLA-Maschinen durch Hans Künz und Werner Gorbach (oben) auf einen Güterzug am Harder Bahnhof.
Wachstum in schwierigen Zeiten
Trotz wirtschaftlicher Unsicherheiten setzte ALPLA in den 1970er-Jahren seinen Expansionskurs in Deutschland fort. 1974 entstand in Vlotho-Exter eine neue Produktionshalle, die als Ausdruck des Vertrauens in die eigene Zukunft bewusst größer als notwendig gebaut wurde. Zwei Jahre später nutzte das Unternehmen die Chance, den Kunststoffbereich der Traditionsmarke Seidensticker in Gemünden zu übernehmen und damit auch die Verpackungsproduktion für UHU zu sichern. 1978 folgte der Standort in Kaiserslautern, und 1982 schließlich der Schritt nach Berlin, wo für den Großkunden Henkel Spülmittel- und Kosmetikverpackungen gefertigt wurden.
Diese Standorte markierten den Übergang vom regionalen Akteur zum nationalen Player. Immer getragen von der Philosophie, stets so nahe wie möglich am Kunden zu sein. „An keinem unserer Standorte wollten wir mehr als 200 Kilometer von unseren Abnehmern entfernt sein“, erinnerte sich Helmut Scheffknecht später. „Es war uns klar, dass für unsere Kunden Flexibilität und Schnelligkeit immer wichtiger sein würden.“
Feuerprobe in Venezuela
Im August 1976 wurde Alwin Lehner beim Anflug auf Caracas mit einem Albtraum konfrontiert: Rauch stieg über dem Werk im venezolanischen San Joaquín auf – ein Brand hatte große Teile der Anlage zerstört. Verkohlte Armaturen, geschmolzene Kabel, eine eingestürzte Hallendecke – und doch ein kleiner Lichtblick: Alle Mitarbeitenden blieben unverletzt. Dank eines unversehrten Stromaggregats konnte die Produktion bald weiterlaufen – ein Symbol für den unbeugsamen Willen, Rückschläge als Antrieb zu nutzen.
Eine eingestürzte Hallendecke im vom Brand gezeichneten Betrieb in San Joaquín, Venezuela.
Tragischer Verlust und neuer Anfang
Am 12. Mai 1978 ereignete sich das wohl dunkelste Kapitel dieser Jahre: Helmuth Lehner, Mitbegründer von ALPLA, verunglückte gemeinsam mit seiner Frau Marianne und zwei langjährigen Mitarbeitenden tödlich bei einem Flugzeugabsturz in Italien. Mit ihm verlor das Unternehmen nicht nur einen Visionär, sondern auch einen leidenschaftlichen Tüftler, der in Hard sogar insgesamt 29 Flugzeuge konstruiert hatte. Die Sparte fand mit seinem Tod ein abruptes Ende.
Alwin Lehner führte fortan das Unternehmen als technischer Innovator und Gesicht der Familie nach außen. Unterstützt wurde er von Helmut Scheffknecht, der die strategische und operative Leitung übernahm, und Heinz Baumgartl, der als Finanzverantwortlicher das rasche Wachstum absicherte.
Marianne und Helmuth Lehner.
Von PVC zu PET – der Stoff, der alles verändert
Ende der 1970er-Jahre kam Bewegung in den Markt: Ein neuer Kunststoff namens PET (Polyethylenterephthalat) sollte die Verpackungswelt revolutionieren. Während PVC-Flaschen aufgrund gesundheitlich bedenklicher Weichmacher zunehmend in Verruf gerieten, überzeugte PET durch Stabilität und Sicherheit, insbesondere für kohlensäurehaltige Getränke.
Anfang der 1980er-Jahre stand auch ALPLA vor dieser technologischen Zäsur. Der Schweizer Kunde Migros, einer der wichtigsten Abnehmer des Werks in Hard, forderte den raschen Umstieg von PVC- auf PET-Flaschen für Essig- und Speiseölverpackungen. Der Impuls kam also von außen, doch ALPLA reagierte mit Innovationskraft und Präzision: Trotz des schwierigen Übergangs verlor das Unternehmen kaum Marktanteile und sicherte seine Position eindrucksvoll. 1982 gelang in Hard zudem ein technischer Durchbruch: die Produktion der ersten ovalen PET-Flasche, der sogenannten „Solo-Flasche“ für Migros. Bis dahin waren nur runde Formen möglich gewesen.
Die sogenannte "Solo-Flasche" für den Kunden Migros.
Einstieg der neuen Generation
Bereits 1979 hatte ALPLA trotz eines erneuten Ölpreisschocks einen bedeutenden Meilenstein erreicht: Mit neun Standorten durchbrach das Unternehmen erstmals die Umsatzmilliarde in österreichischen Schillingen. Dieses Wachstum spiegelte den Mut wider, den Wandel aktiv zu gestalten.
Im selben Jahr stieg Günther Lehner, Sohn von Alwin Lehner, in das Familienunternehmen ein. Der frisch gebackene HTL-Absolvent begann in der Blaserei und lernte das Geschäft von Grund auf kennen. Später erinnerte er sich: „Dabei habe ich – wie einige Mitarbeiter, die später im Ausland für uns tätig waren – das Kunststoff-Geschäft von der Pike auf kennengelernt.“ Damit begann eine neue Generation, die Geschichte von ALPLA weiterzuschreiben – geprägt vom gleichen Pioniergeist, der das Unternehmen seit seinen Anfängen getragen hatte.
Zum nächsten Teil der Serie: ALPLA 1985-1991
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