Kunststoff sorgt für Spitzenleistungen und Spektakel
Was wäre, wenn wir ohne Kunststoff sprinten, kicken, zusehen und zuhören müssten? Teil 6 unserer Serie „Eine Welt ohne Kunststoff“ dreht sich um Sport und Unterhaltung.
Das Leder rollt über den nassen Rasen und wird immer schwerer. Das Baumwolldress klebt am Körper, das Spiel wird langsam, das Verletzungsrisiko steigt. Starre Schienbeinschoner aus Holz und Metall schützen kaum und schränken die Bewegung ein. Alles andere als griffig sind die Leder-Handschuhe. Nach dem Spiel muss das Stoffnetz im Tor abgenommen und zum Trocknen ausgelegt werden. Auf der Tribüne geht es ähnlich unbequem zu. Nasse Betonstufen und feuchte Holzbänke laden nicht zum Sitzen ein. Nach dem Spiel häufen sich die Einwegpappbecher zu Müllbergen.
Schneller, sicherer und sauberer
Was für den Fußball gilt, trifft auch auf andere Sportarten zu. Ohne Kunststoffe verliert der Wettkampf an Dynamik, wird rustikaler und riskanter. Elastische, stabile und leichte Kunststoffe stecken in allen modernen Sportgeräten und Spielstätten. Sie machen Schuhe, Trikots und Hosen leicht, dehnbar und atmungsaktiv. Kunststoffe lassen Bälle schöner fliegen, beschleunigen das Spiel und schützen bei Stürzen und Unfällen. Per Kamera, Mikrofon, Videowand und Übertragungstechnik wird das sportliche Duell aufgenommen. TV, Radio und Streaming ermöglichen die weltweite Vermarktung.
Im Stadion sorgen Kunststoffe für Komfort, Sicherheit und Nachhaltigkeit. Hartschalensitze sind hygienisch, stabil und witterungsbeständig – gut gegen Vandalismus. Das zahlt sich auch bei Sanitäranlagen und Kabinen aus. Kunststoffbecher im Mehrwegpfandsystem verringen den Abfall. Moderne Sicherheitstechnik und Schleusensysteme minimieren die latente Gefahr. Bautechnisch spielen Kunststoffe ebenfalls eine Rolle: Ohne sie wären die Arenen von heute immer noch so rustikal wie die Betonschüsseln von anno dazumal.
Sound, Spektakel und Spaß
Konzerte, Festivals, Weihnachtsmärkte oder Zeltfeste haben viel mit Sportveranstaltungen gemeinsam. Sie versammeln massenhaft Menschen an einem Ort. Damit auch wirklich alle etwas sehen und hören, verstärken Licht- und Soundtechnik das akustische und optische Erlebnis. Das Spektakel ist meist temporär, muss schnell und effizient auf- und wieder abgebaut werden – inklusive Sanitäranlagen. Bei der Logistik helfen leichte Kisten und Koffer aus Kunststoff. Auf Festivals bieten Zelte ein Dach über dem Kopf. Während des Events sorgen bruchfeste Mehrweg-Kunststoffbecher für sicheren Genuss und weniger Müll.
Von Woodstock über Wacken bis zum Eurovision Song Contest: Popkultur ist ohne Kunststoffe undenkbar. Sie stecken in Instrumenten, Verstärkern und Kabeln genauso wie im Mischpult, in der Stereo-Anlage und der Boom-Box. Schallplatten sind schon lange nicht mehr aus Schellack – zum Wohl der Schildläuse. Vinyl hat sich sogar als Name etabliert. Später kamen CDs und Streaming dazu. Sie bescheren uns den Hörgenuss von Jazz, Pop, Rock, Klassik, Schlager, Hip-Hop und Co. auch daheim und unterwegs.
Kreislaufwirtschaft ist voll im Trend
Kunststoffe haben unser Freizeitverhalten revolutioniert. Das spüren wir beim Joggen, Trainieren, Schwimmen, Musizieren und Musikhören am eigenen Leib. Gleichzeitig schafft der massenhafte Einsatz Probleme im globalen Ressourcenhaushalt. So bestehen etwa Schuhe und Bälle aus einer Vielzahl verschiedener Stoffe – was das Recycling erschwert. Elektronikschrott landet vor allem in Entwicklungsländern und belastet dort die Umwelt. Dabei wäre das Potenzial enorm, was auch an den verbauten Seltenen Erden liegt. Bis heute wird allerdings nur ein Bruchteil der wertvollen Materialien wiederaufbereitet.
Besser stehen die Chancen bei der Sportbekleidung aus Polyester. Sie ist prinzipiell gut wiederverwertbar, wenn sie fachgerecht gesammelt, sortiert und recycelt wird. Die Nachfrage nach nachhaltigen Produkten steigt. Viele Hersteller bieten bereits Funktionsbekleidung und Accessoires aus Recyclingmaterial an. Sie fördern Sammelinitiativen und führen erste Rücknahmesysteme ein. Bei Bällen und Schuhen wird mit biobasierten Alternativmaterialien experimentiert, darunter auch neuartige Kunststoffe. Zertifizierte Green Locations, Green Events und Green Meetings unterstreichen die wachsende Bedeutung von Nachhaltigkeit.
Perspektivenwechsel: Externe Expertise
Olympiasieger und Unternehmer Toni Innauer über Kunststoff im Sport und Eventbereich.
(Bild: Mariya Nesterovskya Mittermayer)
Kunststoffe begleiten den Sport. Sie stecken in der Kleidung, den Geräten, in vielen Spielfeldern und prägen die Eventtechnik rundherum. Was macht sie so erfolgreich?
Als Veteran kenne ich noch beide Seiten. Meine ersten Sprünge habe ich mit Holzlatten, Lederschuhen, Pullover und Zipfelmütze gemacht. Die 22-fach-verleimten Ski haben sich mit der Zeit aufgelöst. Einmal sind sie mir auf der Schanze gebrochen. Noch schlimmer war dann der 10 Kilogramm schwere Metallski, da bekam ich richtig Angst. Mit dem Erfolg der ersten Kunststoff-Langlaufski bei der WM 1974 in Falun änderte sich der nordische Skisport. Sie waren leichter und haben keine Nässe aufgenommen. Bei den Schuhen und Anzügen waren wir Österreicher ebenfalls tonangebend, weil wir als erste auf das damals neue Material gesetzt haben. Gemeinsam mit Firmen haben wir neue Sprunganzüge entwickelt und getestet. So war unser Team Mitte der 1970er-Jahre kurzzeitig uneinholbar.
Talent und Training sind das eine. Welche Rolle spielt das Material für sportliche Spitzenleistungen und wie viel davon machen Kunststoffe aus?
Beim Skispringen war die Einführung von Kunststoff so revolutionär wie der V-Stil. Mit den gummifizierten Anzügen gab es einen ähnlichen Weitengewinn und die Spezialbindung von Simon Ammann war auch so ein Thema. Das Material hat großen Einfluss. Mitunter braucht es sogar künstliche Leistungsbegrenzungen. Das geht bei Kunststoffen viel besser als bei natürlichen Materialien. Noch ein Beispiel ist der Tennissport. Da wurde früher mit Holzschlägern und Schafdarmsaiten gespielt. Die waren teuer und sehr wetterempfindlich. Leichte Kunststoffschläger haben das Niveau gehoben. Mit ihnen kann das Gewicht besser verteilt werden, was viele Effekte ermöglicht. Trotzdem ist das Spiel mit einem klassischen Holzschläger ein schönes Gefühl – und das gilt auch für andere Vintage-Sportgeräte wie Golfschläger oder gespließte Angelruten aus Bambus.
Sport hat Publikum. Events bedeuten viele Menschen auf engem Raum. Auch hier sind Kunststoffe allgegenwärtig. Wie können sie zu mehr Nachhaltigkeit beitragen?
Wenn wiederverwendbare Becher verwendet werden und keine Wegwerfprodukte, ist das großartig. Dazu kommt die Sicherheit. Früher gab es Gläser. Unfälle beim Publikum und Personal waren unvermeidbar. Leichte Kunststoffe bringen auch Vorteile beim Transport. So sinken die Tonnen bewegter Materie bei jeder Veranstaltung. Über all dem liegt ein Schatten: Was passiert mit dem Material danach, wo landet es und was ist wiederverwertbar? Da sehe ich vor allem die Hersteller in der Pflicht. Sie müssen in die Technologie und ins Recycling investieren, forschen und bessere Lösungen umsetzen.
Gefallen Ihnen unsere Texte? Vielleicht sogar so gut, dass Sie sie in Ihren Medien auch verwenden wollen? Dann kontaktieren Sie uns bitte vorher!